Iran: Im liebenswerten Reich des Bösen



Im liebenswerten Reich des Bösen

Reise-Reportage über den Iran

(rf) Wir haben noch George W. Bush im Ohr, der den Iran der „Achse des Bösen“ zurechnete, als wir uns zu unserer Persienreise anmelden, begleitet vom ungläubigen Staunen unserer Freunde. „Da wollt ihr hin?“ Die 14 Tage, die wir kreuz und quer durch dieses Land unterwegs waren, wurden zu unserer schönsten Reise bisher überhaupt. Um es vorweg zu nehmen: Kaum irgendwo im Orient vermag sich der europäische Gast so sicher zu fühlen, so zwanglos durch die Gassen zu schlendern wie in den großen und kleinen Städten des Iran, und nirgendwo sonst im Orient schlägt ihm so viel ehrliche Herzlichkeit entgegen. Meistens ist es die imponierende Vergangenheit der großen persischen Reiche, die den Kulturbeflissenen lockt, und – so die Erfahrung von mir und meiner Frau sowie die unserer Reisegruppe – letztlich beeindruckt den Fremden am stärksten die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen im Iran. Zum allgemein guten Gefühl des Gastes trägt auch bei, dass diese sonst oft üblichen orientalischen Begleiterscheinungen weitgehend fehlen: Das hartnäckige Bedrängen des Touristen durch Händler oder die Beutelschneiderei durch Kellner und Taxifahrer. Und – überall im Lande ist es sauber. Auch letzteres soll hier vermerkt sein, nicht weil der Schreiber es so furchtbar wichtig findet, es aber doch immerhin für ein Merkmal hält.

Ja, das Kopftuch für Frauen muss sein. Für die Ausländerin gibt es keine Ausnahme. Man bindet es spätestens dann um, wenn das Flugzeug ausrollt. Und von Stund an gehört es in der Öffentlichkeit zur festen Kleiderordnung, auch beim Frühstück im Hotel. Da lässt sich der Kellner auf keine Diskussion ein. Der Rest der Kleidervorschriften lässt sich lässig handhaben. Dem Gebot, dass weibliche Rundungen nicht auffallen sollen, ist schon mit einem lockeren, über die Hüften reichenden Kleidungsstück genüge getan: Eine lange Strickjacke, eine lange Bluse oder zum Beispiel auch ein Herrenhemd für die Dame, wie wir es praktizierten. Der Dresscode für Männer beschränkt sich darauf, dass sie keine Sandalen tragen sollten. Das gilt als unfein. Darüber setzen sich aber inzwischen auch viele Iraner hinweg. Dass kurze Hosen in einem solchen Land gar nicht gehen, ist ja allgemein bekannt.

Teheran

Teheran gilt als touristisch nicht sonderlich attraktiv. Wer ein Faible für orientalisches Kunsthandwerk hat, sollte aber das Reza Abassi-Museum nicht versäumen mit seinen wunderschönen Keramik- und Metallarbeiten und Handschriften. Eine Sehenswürdigkeit für aus- wie inländische Touristen ist der „Weiße Palast“ von Schah Mohammed Rezah Palavi, der im „feinen“ Norden der Stadt liegt, wo die Immobilien teurer als irgendwo sonst in der Stadt sind, weil die Lage an den Hängen des Elburz-Gebirges ein frischeres, angenehmeres Klima garantiert als drunten im stickigen Tal der Stadt. Man hat übrigens den Eindruck, als würde die Pracht des Schahs nicht etwa vorgeführt, um eine Verschwendungssucht des einstigen Herrschers zu unterstreichen, sondern um schlicht an ein Stück Geschichte des Landes zu erinnern.

Impressionen unterwegs

Persepolis

Die nimmt gewaltige Dimensionen in Persepolis an, im Süden des Irans gelegen, eine mehrtägige Autoreise von Teheran entfernt. Über 2000 Jahre haben in dem historischen Zentrum imposante Palastsäulen, Löwengreife und fantastischen Reliefs überdauert. Nur Ruinen sind geblieben von diesem einstigen Zentrum eines Riesenreiches im Süden Irans, aber was für welche. Kein Wunder, dass Persepolis als ein Identifikationsort der Iraner gilt. Wer von den Besuchern zur älteren Generation gehört, erinnert sich noch an die mehr als prunkvolle Feier des Schahs an diesem Ort zum 2500-Jährigen des Perserreiches.

Kerman

Yazd

Isfahan

Isfahan gehört wie Persepolis zu einer Iranreise immer dazu. Eine lebendige Großstadt mit einem Zentrum von berauschender Schönheit. Während Persepolis mit einem Tagesausflug abgehakt ist, sollte man sich für Isfahan zwei Tage gönnen. Auf dem berühmten, sich weit dehnende Platz Meydan-e Imam mit dem beziehungsreichen Gegenüber von prachtvoller Moschee, betriebsamen Bazar und Palastbau sitzt man auf einer Steinbank oder auf dem Rasen. Ein junger Mann hat nebenan die Beine untergeschlagen, schreibt eifrig und schaut dann herüber. Wir kommen ins Gespräch. Er verfasse gerade einen Liebesbrief, teilt er unbefangen mit und freut sich, dass er sich unbehelligt mit uns unterhalten kann. Bis vor kurzem sei das noch anders gewesen. Da sei nach solchen Begegnungen mit Touristen die Sittenpolizei gekommen und habe von ihm wissen wollen, über was er sich mit dem Fremden unterhalten hatte.

In einem Café in der ersten Etage eines Hauses am Platz sitzen chic zurechtgemachte junge Frauen und rauchen Wasserpfeife. Die Kopftücher haben sei weit nach hinten geschoben. Ein stiller Protest gegen die Verhüllungsvorschrift. „Ist ihnen das Kopftuch nicht lästig?“ wird meine von einer Iranerin mittleren Alters Frau gefragt. Na ja, sie trägt es schließlich nur für zwei Wochen. „Sie Glückliche“, wird sie beneidet. Wir schlendern zu zweit durch den Basar, erstehen Safran hier und eine Tischdecke dort. Am Abend laufen wir runter zu den märchenhaft erleuchteten Brücken am Fluss. Drei Soldaten in Uniform sind hinter uns, holen uns ein und sprechen mich an: „Mach doch mal ein Foto von uns . . .“ Begebenheiten dieser Art sind alles andere als selten. Im Iran ist die sonst in islamischen Ländern weit verbreitete Photo-Phobie unbekannt. Aber trotzdem ist natürlich die Anfrage des Fotografen, ob es denn recht sei, eine Selbstverständlichkeit.

Shiraz

Imposant ist Persepolis, prachtvoll ist Isfahan und Shiraz ist zauberhaft. Meine Frau und ich machen uns am Abend selbstständig und schlendern vom Hotel hinüber zu dem alten Garten Bay-e Jahan Nama. Am Eingang entrichten wir einen bescheidenen Obolus und treten dann ein in Tausendundeine Nacht. Mondsichel und die Sterne leuchten uns, wie sich das an einem solchen Ort gehört. Es herrscht fast Stille. Wer sich unterhält, tut das leise. Junge Paare sitzen hier und dort auf den Steinbänken dicht beieinander.

Wir wollen noch zu einem zweiten, nicht weit entfernten Park mit dem Grab des berühmten mittelalterlichen persischen Dichters Hafiz, dessen Verse scheinbar jeder Iraner dahersagen kann, und kommen dabei an einer Bäckerei vorbei, wo das frische Fladenbrot gerade einem Pärchen herübergereicht wird. Staunend stehen wir dabei, wie die Kunden ihr Brot gegen ein Gitterrost klatschen lassen, wobei kieselgroße Steine herausfliegen, die aus dem Backofen hängen geblieben sind. Die Fladenbrot-Besitzer lachen uns zu, reißen ein großes Stück aus ihrem warmen Teigteller und drücken es uns zum Probieren in die Hand. Ein Genuss.

Ein kleiner Spazierweg entlang der befahrenen Straße, dann sind wir an der Hafezieyeh. Der Dichter ruht im Garten in einem offenen Pavillon, unter einer von Säulen getragenen Kuppel. Es herrscht eine weihevolle Stimmung. Junge und alte Menschen verharren in Ehrfurcht, berühren mit ihren Fingerspitzen den Sarkophag und murmeln Gedichtstrophen des großen Hafiz. Man könnte meinen, er wäre erst in diesen Tagen gestorben.

Qom

Ein Erlebnis ganz eigener Art ist der Besuch in Qom, der heiligen Stadt, nicht weit von Teheran. Unser iranischer Reiseführer, der offenbar nicht zu den Frömmsten zählt, hält nicht viel von dem Besuchswunsch der Gruppe. Am Stadtrand müssen wir umsteigen in einen der für alle Auswärtigen obligatorischen Pilgerbusse. Qom ist reich an schiitischen Heiligtümern und an Legenden. Ein ernster Ort mit weitläufigen Friedhöfen, denn es ist vielen schiitischen Gläubigen erstrebenswert, in dieser heiligen Erde die letzte Ruhe zu finden. Vom Bus aus sehen wir etliche Trauergruppen, die eilig mit Särgen unterwegs sind. Im Zentrum schauen wir hinüber zur berühmten theologischen Schule, der Revolutionsführer Khomeini entstammte. Die prächtig vergoldeten Kuppeln des Heiligtums der Fatheme Masoumeh bilden einen Kontrast zum von dunklen Tschadors bestimmten Straßenbild. Darf man als Nicht-Moselm das Tor zum Heiligtum passieren? Das weiß man in Qom immer erst, wenn man es versucht hat. Vieles ist in diesem Land für den Fremden nicht immer kalkulierbar.

h.p.


Kurzportrait Iran

Iran, im Nahen Osten gelegen, grenzt im Norden an das Kaspische Meer, im Süden an den Persischen Golf. Nachbarländer im Westen Türkei und Irak, im Osten Pakistan, Afghanistan und Turkmenistan, im Norden Aserbaidschan und Armenien. Es ist ein Land der Berge und Wüsten. Der Osten wird von einem Hochplateau dominiert, mit großen Salzseen und weiten Sandwüsten. Die Hochebene ist von noch höheren Bergen umgeben, darunter der Zagros im Westen und der Elburz im Norden. Die Hauptstadt Teheran ist die größte City des Landes und das politische, kulturelle, kommerzielle und industrielle Zentrum des Irans.

Reise-Hinweise Iran

Sprache
Die Iraner haben von den Arabern das Alphabet übernommen, aber nicht die Sprache. Das ist das Farsi. Wer sich die Mühe macht, sich einige Brocken davon einzuprägen, stößt überall auf freudige Resonanz. Englisch wird von jungen Leuten gesprochen. Immer ist die Hilfsbereitschaft der Iraner eine Verständigungsbrücke.

Reisen
Der Tourist aus Europa ist zumeist organisiert unterwegs. Aber auch Reisen auf eigene Faust mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit Bus und Bahn, sind möglich. Dafür kennen wir etliche Beispiele. Es gibt ein Linienflugnetz, das alle größeren Städte verbindet. Bei Schwierigkeiten ist es wiederum die Liebenswürdigkeit der Iraner, die dem Fremden zustatten kommt. Ein Problem für den Individualreisenden aus Europa ist, dass er weder Geld abheben noch mit der Kreditkarte bezahlen kann.

Politik
Unser iranischer Reiseführer war erstaunlich offen, auch mit Kritik am eigenen Regime. Propagandabilder der Mächtigen des Landes seiht man in der Öffentlichkeit selten, dafür umso häufiger übergroße Bilder von Märtyrern aus dem Krieg mit dem Irak (1980 bis 1988).

Sicherheit
Ausführliche Informationen dazu sowie aktuelle Auskünfte gibt es auf den Seiten des auswärtigen Amtes.


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