Dänemark: Schneechaos auf Bornholm

Dänemark: Schneechaos auf Bornholm

(Quelle: VisitDenmark)

(rf) Es war ein besonderes Weihnachten 2010. Ein Weihnachten, das Bornholm in aller Welt bekannt gemacht hat. Fast 100 Millionen Tonnen Schnee lasten derzeit auf der Klippeninsel in der Ostsee im Dreieck zwischen Rügen, Südschweden und Polen. Damit hält Bornholm den Schneerekord in Skandinavien. Die für das milde, ja geradezu mediterrane Klima bekannte Ostseeinsel, wird bedeckt von einer Schneeschicht von durchschnittlich 1,40 Meter Höhe und Schneeverwehungen von örtlich bis zu sechs Metern.
Das hat dazu geführt, dass am Tag nach Weihnachten Katastrophenalarm ausgelöst wurde. Die örtliche Polizei und die Schneeräumdienste wurden nicht mehr Herr der Situation. Obwohl das Problem eigentlich abzusehen war, denn seit dem 26. November 2010 hat es immer wieder geschneit. Und vor Weihnachten wurden fatale Schneestürme von 14 Metern pro Sekunde gemeldet, die die gesamten Weihnachtsfeiertage über die Insel fegen sollten.
Aber es war ja dänische Weihnachten. Und in dieser so stillen und gesegneten Zeit glauben die Menschen an Wunder, an den Weihnachtsmann, und alles im Land strebt danach, zu den Lieben nach Hause zu kommen, um den „Juletrae“ zu tanzen und das traditionelle „Flæskesteg und ris a la mande“ (Schweinebraten mit dicker Kruste und zum Nachtisch ein mit Mandeln und Sahne veredelter Milchreis) im Kreise der Familie zu verspeisen. Und so bestiegen die Weihnachtshungrigen trotz aller Wetterwarnungen die Fähre, die vom südschwedischen Ystad nach Bornholm fährt, sie buchten Flüge und ergatterten sich die letzten Plätze in den überfüllten Zügen. Der Wille, das Weihnachtsfest bei der Familie zu verbringen, sollte Berge versetzen.

Doch die Bornholmer und ihre Familien wurden eines besseren belehrt, nämlich, dass die Natur nicht zu bezwingen ist. Am Tag vor Heiligabend kamen die Menschen von überallher noch in der Hafen- und Hauptstadt Rønne an, doch sie kamen nicht mehr weiter. Rund 1.500 Menschen landeten mit Schiff und Flugzeug in der 15.000 Einwohner großen Stadt. Wer Verwandte in Rønne hatte, blieb dort, die anderen wurden in der Kaserne, in Sporthallen und auf der Fähre „Poul Anker“ untergebracht.
Und so wurde es für mehrere hundert Menschen ein ganz besonderes „Julefest“. Dank dem großen Engagement der einheimischen Geschäftsleute und unzähligen privaten Mithelfern fehlte es für die „Gestrandeten“ an nichts: mit Weihnachtsbraten, Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsmann mit Geschenken für die vielen Kinder konnten die Inselgäste ein Fest feiern, das ihnen wohl lange in Erinnerung bleiben wird.
Viele Familien auf der Ostseeinsel feierten das Fest allein oder nur mit einem Teil der Angehörigen, denn die Bornholmer konnten einfach nicht zueinander kommen. Und wenn dann nur zu Fuß. Und auch die Benutzung der Gehwege wurde am Heiligenabend unter strengster Warnung wegen Lebensgefahr per Radioansage untersagt. Der Schneesturm fegte bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag unerbitterlich über die Insel.
Wenn nicht mit dem Auto und nicht zu Fuß, dann blieb nur noch die Reise zu Wasser. So machte ein Fischer am ersten Weihnachtstag seine „Trine-Louise“ klar, um seine Familie auf dem Seewege vom Rønne havn nach Nexø heimzuholen – und er nahm so viel andere Passagiere mit, wie das Schiff tragen konnte.
Doch in der Mitte und im Norden der Insel spitzte sich die Lage immer mehr zu. Mehrere hundert Menschen wurden von den Schneemassen auf dem Lande eingeschlossen. Festgehalten auf ihren Höfen, isoliert von der Außenwelt und mit langsam ausgehenden Notrationen an Essen, Feuerholz, Öl oder Futter für deren Tiere.
Am Montag nach Weihnachten rief die Bornholmer Bürgermeisterin Winni Grosbøll den Notzustand aus und bat um Katastrophenhilfe vom Festland. Zu spät, sagen die Kritiker, die unken, dass die Bürgermeisterin sich in aller Seelenruhe über die Weihnachtstage in ihre private „Familienhygge“ zurückgezogen hätte und sich erst wieder danach „im Dienste“ fühlte.

Doch die „Hygge“ ist wohl das, was die Bornholmer derzeit die Notsituation so gut ertragen lässt. Man „hyggt“ sich halt, in der Familie, mit Freunden und zur Not mit sich selbst. „Hygge“ ist so etwas wie Gemütlichkeit, doch so richtig trifft es dieses Wort auch nicht. „Hygge“ ist mehr, sie ist etwas, was man im Blut haben muss, wenn man hier in der winterlichen Einsamkeit und in solchen extremen Zeiten ohne depressive Spätschäden oder amokartige Kurzschlusshandlungen überleben will. Kurz: Man muss sich selbst aushalten können und eine Situation annehmen wie sie ist.
Mit stoischer Ruhe ertragen die Menschen den Schnee, machen das Beste daraus, zünden eine Kerze im Dunkeln an und begnügen sich mit dem, was ihnen zur Verfügung steht. Als der im Schnee beim Ort Klemensker eingeschlossene Steen S. nach sieben Tagen Isolierung das erste Mal Besuch von einem Fernsehteam bekam, beschrieb er die Lage so: „Nein, uns hat nichts gefehlt, wir haben den Weihnachtsbaum angezündet und angeschaut. Dreimal am Tag habe ich mich durch den Schnee zum Hühnerstall durchgekämpft, um ihnen immer frisches, nicht gefrorenes Wasser zu geben. Sie sollten ja auch nicht Not leiden. Nein, wir hatten es gemütlich“, lächelte der Mann etwas müde.
Doch immer noch sind rund 500 Menschen im Schnee gefangen, und für einige wird die Situation langsam kritisch. Die junge Mutter eines 14 Monate alten Babys, die seit dem 22. Dezember zwischen den Dörfern Østerlars und Arsballe alleine eingeschlossen ist, hat vor einigen Tagen eine Selbsthilfe-Gruppe auf Facebook eingerichtet. Innerhalb von ein paar Tagen hat die Gruppe fast 350 Mitglieder, die sich rege über die Situation und mögliche Hilfen austauschen. Da werden Nachbarhilfen, Fahrdienste oder Vorrats-Tauschgeschäfte verabredet, doch das Wichtigste ist: Man ist nicht alleine.
Maia stellt regelmäßig die neuesten Meldungen ins Netz, die Ruten, wo der Schneeräumdienst schon durchgekommen ist. Die Männer mit ihren schweren Fahrzeugen machen Überstunden. In einigen Gegenden dauert es mehr als einen Arbeitstag, um eine Strecke von 100 Meter Wegstrecke zu räumen. Viele Höfe haben mehrere hundert Meter von der nächsten kleinen Straße bis zu ihrem Haus. Und von der Straße sind es wiederum mehrere Kilometer bis zur nächsten Landstraße.
Die Insel ist mit ihren ca. 42.000 Einwohnern auf 588 Quadratkilometern dünn besiedelt. Grund und Boden ist nicht teuer hier, und der Traum so mancher Familie ist ein Bornholmer Fachwerkhof im alten Stil mit viel Land drum herum. Ein Traum, der in diesem Winter zum Albtraum wird.
Doch die Insulaner haben jetzt Hilfe vom Festland bekommen. Jeden Tag treffen mit der „Bornholmerfærgen“ weitere Schneeräumfahrzeuge und Bagger ein. Die Hilfsangebote kommen sogar aus dem Ausland. Und ein von Kopenhagen gesendeter Helikopter bringt Notrationen und dringend benötigte Medikamente zu den Betroffenen.
Die Insel Bornholm schreibt diesen Winter Geschichte. Doch wie gesagt, die Bornholmer zeigen in diesen Tagen dem ganzen Land, aus welchem „Urgestein“ sie gemacht sind. Jeder hilft jedem, ohne zu fragen, was es kostet, oder ob es sich für ihn lohnt. Die Not schweißt zusammen.

Und da die Abgeschlossenheit ja im besten Fall auch die kreativen Sinne anregen kann, so entstand in den Übungsräumen der jungen Band des touristischen Fischerdorfes Svaneke der erste „Notsong“: „Ø-landshjælp“ heißt der Song, und im Refrain bitten die Bormholmer Jungs um Hilfe: „Giv en hånd til Bornholm, for vi keder os ihjæl. Giv en hånd til Bornholm, vi kan ikke klare os selv” (Helft der Insel Bornholm, bevor wir uns zu Tode langweilen. Helft der Insel Bornholm, denn wir können es nicht alleine schaffen...”). So wird der erste Insel-Notsong im Radio gespielt und alle trällern mit… Die Bornholmer machen eben das Beste draus.


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